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Über Andreas Kuntz

Kulturwissenschaftler, Tourismusforscher, Reisebegleiter, Friedensberater, Seelsorger

Leben am Toten Meer: Besuch einer Ausstellung

Eine Überaschung erwartet die Besuchenden gleich am Eingang: Es gibt ein kleines Büchlein nur für den Besuch der Ausstellung – hinterher bitte wieder abgeben! Verbunden wird die Ausgabe mit dem Hinweis, dass die ausgestellten Gegenstände mit wenig Text daneben zu sehen sind. So geschehen bei meinem Besuch in der Ausstellung „Leben am Toten Meer“ am 8. Oktober in der Kaiserpfalz Paderborn, im LWL-Museum. Gleich nach der Einleitung in die Topographie des Toten Meeres beginnt ein thematisch organisiertes Suchspiel. Die Ausstellung „Leben am Toten Meer“ zeigt die Vergangenheit an der tiefsten Stelle der Welt in Themenbereichen. Der Besuch hat Tücken, aber er lohnt sich.

Broschüre des LWL-Museums in der Kaiserpfalz Paderborn „Leben am Toten Meer“

Die Themenbereiche als Suchspiel

Die Broschüre zählt die Themenbereiche auf: Natur und Selbsterhaltung; Wellness; Höhlen, Dörfer und Städte; Macht und Ohnmacht, Kult und Religion; Forschung (Forschungsgeschichte); Textilien, Mobilität und Handelsbeziehungen. Zugleich wird aufmerksam gemacht auf die Höhepunkte der Ausstellung. Das sind meist Fundstücke, die besonders alt sind: Textilien aus der römischen Zeit (2000 Jahre alt), eine Handschrift Plinius (1500 Jahre alt), eine Schriftrolle mit dem Text aus dem Buch des Propheten Ezechiel (Original 2000 Jahre alt) und ein rätselhafter Schatz mit Instrumenten aus Kupfer (5500 Jahre alt). Das ist beeindruckend! Für die einen eine Entdeckungsreise, für die anderen Besuchenden eher eine Suchbewegung: Wo sind die berühmten Fundstücke, aus welcher Epoche stammen sie und wer hat sie ausgeliehen?

Auch auf der Website der Ausstellung sind die Themenbereiche wichtigste Orientierung:
Leben am Toten Meer

Die Überaschung ist den Macherinnen der Ausstellung gelungen: Die Kuratorinnen Dr. Christina Michel, Dr. Martin Peilstöcker und weitere Kolleginnen, sowie die Direktorin Dr. Sabine Wolfram vom Sächsischen Museum für Archäologie Chemnitz (smac) haben eine Ausstellung zur Archäologie eines faszinierenden geographischen Phänomens erstellt. Die erste Ausstellung zum Toten Meer überhaupt. Das Format hat einen großen Vorteil: Geschichtsmuffel, die mit Zahlen, Daten und Epochen wenig anfangen können, docken ihre Lernerfahrung an thematischen Gruppen von Gegenständen und Fundstücken an.

Broschüre der Ausstellung Leben am Toten Meer in Chemnitz (smac)

Das Leben ist wichtiger als die Zeit:
Eine Ausstellung für Geschichtsmuffel

Durch die Suchbewegung erlebe ich die Ausstellung viel intensiver als ein gelenktes Gehen entlang der Ausstellungsstücke. Das macht die Ausstellung noch spannender. Ein Nachteil ist, dass ich die besonderen, die herausragenden Ausstellungsstücke nicht sofort erkenne. Habe ich die Broschüre gut gelesen, dann weiß ich, dass mich hier tolle Stücke erwarten. Ich muss sie aber selbst identifizieren. Wichtig sind einige von ihnen, weil sie extrem alt, oder sogar die ältesten bekannten ihrer Art sind. Das steht aber nicht in dem kleinen Büchlein, das ich mitbekomme.

Zu allen Themenbereiche gibt es Einführungen auf Gebärdensprache:
Einführung in „Höhle, Dörfer, Städte“ in deutscher Gebärdensprache (DGS) auf Youtube

Fundstücke vom Toten Meer: unglaublich alt!

Dazu gehören echte Ausstellungsstücke wie die Handschrift der „Naturgeschichte“ von Plinius dem Älteren aus dem 5. Jahrhundert (nach Christus). Oder der geheimnisvolle Kupferschatz aus einer Höhle am Toten Meer aus der Kupfersteinzeit, also mehr als 5000 Jahre alt! Oder eine Abschrift eines Briefes aus dem Bar Kochba Aufstand, vielleicht aus dem Jahr 135 (nach Christus). Die Textilien sind natürlich ein wahrer Schatz, manche von ihnen über 2000 Jahre alt.

Aber auch einige Replika sind unglaublich interessant, darunter die Stele des „Königs“ Mescha, der seinen Sieg über den israelitischen „König“ Omri beschreibt, aus dem 9. Jahrhundert (vor Christus). Oder eine Kopie der Buchrolle des Buches Deuteronomium aus der Hebräischen Bibel, dem Alten Testament, aus dem 1. Jahrhundert (vor Christus). Spannend auch der Nachbau eines Siedlungshügels aus Südwestasien, ähnlich dem Tell e-Sultan in Jericho. Leider bleiben viele Stücke in der thematischen Gruppierung in ihrer Bedeutung quasi unerkannt.

Was ist eigentlich ein Tell? Erklärungen von Christina Michel (smac) auf Youtube

Die erste Ausstellung zur Vergangenheit der tiefsten Stelle der Welt

Was mir wirklich fehlt, ist die kritische Herangehensweise an Quellen der Geschichte oder ihre Interpretation. Selbst Archäologie ist ja durch Ansichten, Ideologien und Mentalitäten bestimmt. Zwar wird auf das wirtschaftliche Interesse der Forscher des 19. Jahrhunderts hingewiesen. Die politischen Entscheidungen der Europäer im Heiligen Land – das ja in Südwestasien liegt – werden nicht in Verbindung mit den Forschungen gebracht.

Auch interessant finde ich, dass die Bibel und ihre Interpretation keinen Nachhall in der Ausstellung findet. Immerhin ist die Bibel vor allem in Jerusalem (30km vom Toten Meer und der tieftsten Stelle der Welt) geschrieben und zusammengestellt worden. Die ältesten Handschriften dieser Tradition – für viele Menschen auf der Welt bis heute Glaubensgrundlage – sind am Toten Meer gefunden worden!

Wie kritisch ist die Archäologie als Wissenschaft?

Immerhin werden Irrtümer der Forscher kurz erwähnt. Watzinger korrigiert 1926 Datierungen von Fundstücken (Keramik), die er nach den Ausgrabungskampagnen bis 1909 zusammen mit Sellin ausgegraben hat. Als umstritten wird die Interpretation des Dominikanermönches De Vaux zu seinen Ausgrabungen in Khirbet Qumran bezeichnet, es hätte sich um eine klosterähnliche Ansiedlung einer Sekte gehandelt.

Der kollektive Selbstmord der Freiheitskämpfer auf der Palastfestung Massada lässt sich archäologisch nicht nachweisen, das ist richtig. Die Ausstellung bleibt da aber sehr vorsichtig. Die Mauern von Jericho, die von Posaunen zum Einsturz gebracht wurden, wollten die ersten Forscher wie Garstang gefunden haben. Aber Mauern gab es damals nicht – das wissen wir seit den Ausgrabungen und Forschungen von Kenyon (bis 1958). Das ist Wissenschaft – Erkenntisse werden überprüft und korrigiert. Doch wie kritisch sind wir heute?

Jericho: Josua verhindert den Massenmord (in Arbeit)

Die Bibel spielt eine Nebenrolle

In der Ausstellung werden zwei Beispiele von biblischen Geschichten mit Bezug zum Toten Meer kurz dargestellt, beide haben mythischen Charakter: Lot und seine Töchter entkommen der Katastrophe von Sodom und Gomorra, und die Posaunen von Jericho. Die eine Geschichte ist offensichtlich legendär, die andere von der Archäologie quasi widerlegt. Aber was bedeuten diese Geschichten? Was bedeutet es, dass weiße Siedler die Erzählung der Zerstörung Jerichos auf ihre Taten bezogen haben? Wie interpretieren wir Geschichte?

Geschichte im Heiligen Land gelesen als Geschichte in longue dureé in „Glaube unter imperialer Macht“ von Mitri Raheb (Buchbesprechung) (in Vorbereitung)

Schon erstaunlich, dass eine der Grundlagen des christlich-jüdischen Abendlandes – oder wie immer wir es bezeichnen wollen – nur am Rande vorkommt. Dabei heißt die Ausstellung von der Vergangenheit an der tiefsten Stelle der Welt, „Leben am Toten Meer“, in ihrem Untertitel „Archäologie aus dem Heiligen Land“. Da die Forschung aber oft mit einem Interesse an der Bibel verbunden wird, hoffe ich auf die Lektüre des Kataloges. Denn dort schreiben auch biblische Archäologen und Theologen, und zwar mit Bezug zu Geschichte und Chronologie. Daher ist es keine Überraschung: Im Katalog finde ich – auf den zweiten Blick – die Epochen auf einer Zeitleiste.

Der Katalog „Leben am Toten Meer“

Nicht verpassen: Die Kurzfilme

Spannend ist der Einsatz der Kurzfilme. Sie vermitteln viel von dem, was in der Ausstellung nicht explizit angesprochen werden soll – oder kann. So zeigen die Kuratorinnen zwei Kurzfilme des NPAPH (Non-Professional Archaeological Photographs) Projekt der Hogeschool Utrecht und anderen. Die beiden Seiten einer Ausgrabungskampagne kommen in den Blick: Die Seite der ausländischen Archäologinnen und die der Einheimischen.

Das Projekt NPAPH (Utrecht): Jericho inoffiziell (Jericho off the record)

Zusammen mit den drei Filmen des smac zu den Menschen von heute am Toten Meer, ergibt sich ein interessanter Eindruck: Die Archäologinnen und das Mädchen aus dem Kibbutz Beit HaArava erzählen ganz individuell von ihren Erlebnissen. Wichtig ist ihnen immer auch der Genuss – bei den Archäologen scheint es sich um ein Ferienvergnügen zu handeln, das mit Ausgrabungen verbunden ist. Die inzwischen Erwachsene Michal Ramot lebt jetzt im Kibbutz Kabri, von dessen Ortslage Araber vertrieben wurden. Sie scheint die Bitterkeit über die Heimatlosigkeit, Vertreibung und Konflikt in dem Wunsch nach einem guten, selbstbestimmten und genussvollen Leben zu kompensieren.

Die Kurzfilme zu den Ausgrabungen auf Tell e-Sultan (NPAPH)

Menschen von heute an der tiefsten Stelle der Welt

Dagegen spielt bei den einheimischen Menschen und ihren Äußerungen die Gruppe oder die Menschen insgesamt eine große Rolle. Der Beduine Mohammed Eid, dessen Eltern aus ihrem Stammland beim südlichen Westufer des Toten Meeres vertrieben wurden, kam zwischen Jerusalem und Jericho zur Welt. Zwei Jahre nach seiner Einschulung in Jericho musste die Familie wieder fliehen – nach Jordanien. Nach seinem Studium in Dortmund fand er keine Arbeit in Jordanien und wurde – Reiseleiter für deutschsprachige Gruppen. Mohammed Eid betont angesichts der heutigen politischen Grenzen: Das ist ein Land. Das Tote Meer gehört allen Menschen!

Neben Mohammed Eid, Flüchtlingskind, Beduine und Tour Guide werden weitere Menschen von heute am Toten Meer vorgestellt. Michal Ramot wird als Kind behutsam im Mai 1948 aus dem Kibbutz Beit HaArava evakuiert. Die erzählt von ihrer Mutter, die aus Leipzig mit der zionistischen Jugend aus Deutschland nach Palästina eingewandert ist und unter dem Klima der neuen Siedlung (gegründet 1939) schwer leidet. Auch ihr fällt eine Geschichte ein: Als sie über die heiße Erde läuft, brennen ihre Füße so sehr, dass sie Hilfe braucht. Aber niemand hilft ihr und sie muss alleine eine Lösung finden. Michal Ramot findet es gut, dass an ihrem jetzigem Wohnort eine Gedenkstätte an das alte Beit HaArava der Vergangenheit existiert. Das neue, nach der Besetzung des Westjordanlandes gegründete Militärlager – jetzt Siedlung – wird nicht erwähnt.

Beit HaArava im Eretz Israel Museum in Tel Aviv

Und dann ist da noch die palästinensische Unternehmerfamilie Hallak aus Jerusalem. Als Geschäftsleute ist ihr Blick auf den Konflikt lakonisch: Als die israelische Armee das (jordanische) Westjordanland besetzt hatte, besorgte man sich eben eine weitere Konzession. Und hat jetzt also quasi zwei! Irgendwie muss man mit dieser vertrackten Realität klar kommen. Damit ist die Salzfabrik Hallak die einzige palästinensische Adresse am Toten Meer, obwohl das Gebiet zum Westjordanland gehört. Zugleich legen Vater und Sohn Hallak großen Wert darauf, bis heute in der lokalen Gemeinschaft verwurzelt zu sein. Die Arbeiter sind palästinensische Bewohner der Gegend.

Die Archäologie am Toten Meer: Außerhalb des Konflikts?

Der Konflikt spielt im Leben der Menschen am Toten Meer also ein große Rolle – immer präsent, und immer eine Herausforderung. Wichtig sind auch die Proteste der Flüchtlinge aus dem Flüchtlingslager neben dem Tell e-Sultan. Ihr Schicksal wurde international vergessen. Bemerkenswert ist dabei die Erfahrung der Forschenden, dass sie genau dort herzlich begrüßt und bewirtet werden…

Die Perspektive der Einheimischen: Video des NPAPH zu den Arbeitern und Flüchtlingen in den 1950ern in Jericho, Tel e-Sultan

Schade, dass keine Ausstellungstücke aus Jordanien oder den besetzten palästinensischen Gebieten dabei sind. Oder doch? Liegt es vielleicht gerade daran, dass die palästinensischen Archäologen keinen Zugriff auf viele Fundstücke haben, die aus diesem Gebiet, dem Westjordanland, stammen? Ist uns diese Problematik im Sinne des Völkerrechts bewusst? Tatsächlich sehen wir einige Fundstücke beispielsweise aus Jericho – sie sind aber keine Leihgaben palästinensischer Institutionen. So ist für die Ausstellungsmacherinnen der Konflikt ein Hindernis bei der Gestaltung gewesen.

Der frühsteinzeitliche Turm in der Ausgrabung von Tell e-Sultan, Jericho

Dieses erstaunliche Bauwerk würde ich gerne meinen Kolleginnen in Jericho zeigen: So sieht es innen im Turm aus, den sie den Besuchenden manchmal erklären können! Auf den meisten konventionellen touristischen Besuchen in Jericho kommen sie nicht zu Wort. Eines der wichtigsten Themen bei ihren Führungen, die Koexistenz heute und in frühislamischer Zeit, ist in der Ausstellung kein Thema. Die Archäologie und neuere Interpretationen rund um den Palast der Omajaden-Dynastie fehlen. Immerhin wird der erste einheimnische, palästinensische Archäologe erwähnt, Dimitri Baramki. Da war die Ausbildung der einheimischen Reiseleiter in Jericho gar nicht schlecht – eine für mich beruhigende Feststellung.

Gäste authentisch empfangen – Die Ausbildung palästinensischer Tour Guides 1997-2020 (in Arbeit)

Die Gegenwart spielt keine Rolle

Der aktuelle Konflikt kommt kaum vor. Gerade soviel, dass ich sagen musss: verschwiegen hat es die Ausstellung nicht. Aber auch nicht wirklich behandelt oder mit den Ausstellungsstücken in Beziehung gesetzt. So kommt der Begriff Besatzung – im Themenbereich Macht und Ohnmacht – nur im Zusammenhang mit dem römischen Imperium und dem Bar Kochba Aufstand vor. Das könnte auch eine bestimmte Lesart sein, die vom Dialog mit den israelischen Leihgebern der Ausstellung beeinflusst ist. Konflikt-sensibel ist dieses Vorgehen nicht. Die Ausstellung erlaubt kein Lernen und besseres Verstehen der Gegenwart am Toten Meer. Selbst die Bedrohung der Existenz des Toten Meeres bleibt, was Ursachen angeht, undeutlich.

Schöne virtuelle Rekonstruktion zu Khirbet Al-Yahud oder Khirbet Mazin am Westufer des Toten Meers (Westjordanland), erstellt für die israelische Behörde für Naturreservate und Nationalparks (Youtube): Ein Dock und Hafen für Boote auf dem Toten Meer in der hasmonäischen Zeit

Was ist konflikt-sensibles Reisen? (in Arbeit)

Wie die Zielsetzung der Ausstellung entstanden ist, darüber könnte ich jetzt nur spekulieren. Vielleicht sollen Ausstellungen heute ja eher enzyklopädisch, ästhetisch und weniger kritisch sein. Auch die Superlative stechen heraus: Die Ausstellung „Leben am Toten Meer“ zeigt die Vergangenheit an der tiefsten Stelle der Welt, zum ersten Mal weltweit. Die Ausstellung ist sehr umfassend recherchiert, aber nicht komplett. Daher sage ich hier nur ganz einfach: Ich habe die kritische Haltung gegenüber der Interpretation der Fundstücke vermisst, ebenso wie die Darstellung der Zusammenhänge mit der Gegenwart. Ich vermute mal, eine Führung könnte das leisten. Der Besuch hat also Tücken. Doch lohnt sich der Besuch der Ausstellung in jedem Fall, ob die Besuchenden zufällig die herausragenden Stücke finden, ihre eigenen Schätze heben oder ob eine Führung die Verbindungen zum Wissen hinter den Ausstellungsstücken herstellt.

Auch eine faire Reise nach Bethlehem kommt nicht ohne das Tote Meer aus:
Bodenhaftung und Herausforderung im Heiligen Land

Ausstellung über die Vergangenheit
der tiefsten Stelle der Welt: Der Besuch lohnt sich

Zusammengefasst: Leben am Toten Meer ist die erste Ausstellung weltweit, die sich mit der Region des Toten Meeres beschäftigt. Sie ist sehr umfassend angelegt und bestens in Szene gesetzt. Kritische Betrachtung von Geschichte und Geschichtsschreibung allerdings fehlt in der Ausstellung. Archäologie und und Aktuelles werden nicht verknüpft. Dafür stellen die Ausstellungsmacherinnen materielle Überreste längst vergangener Zeiten in sinnvollen thematischen Gruppen dar. Das wird allen helfen, die mit Zeitleisten und Geschichtsdaten eher ihre Probleme haben. Die Suchbewegung beim Besuch der Ausstellung mag zunächst ungewohnt sein, ermöglicht aber das Entdecken unterschiedlicher Aspekte. Ein Audio-Guide fehlt, dafür hilft ein kleines Büchlein beim Orientieren und Finden. Alle fünf Kurzfilme in der Ausstellung sind ein Muss. Eine Führung würde ich empfehlen. Der Besuch lohnt sich.

Die Website der Ausstellung in Chemnitz (smac)

Kritik der Ausstellung auf von Ivo Nagelweihler auf kunstundfilm

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Kommet her und sehet die Stätte!

Im Jahr 1879 widmeten Heinrich und Julie Härlin und Sophie Nark ihrer Freundin Agnes Wagner ein Buch über das Heilige Land, oder besser gesagt, die biblischen Länder „Judaea, Galilaea, Samaria, Peraea“.

Friedrich Adolph Strauß und Otto Strauß: Die Länder und Stätten
der Heiligen Schrift

Das Buch war bereits 1861 bei Cotta erschienen, diese Ausgabe stammt von Brockhaus in Leipzig.

Dieser Beitrag ist noch in Arbeit.

Chancen und Herausforderungen der Tourismusentwicklung in einer Konfliktzone

Als ich zum zweiten Mal nach Battir kam, war mein Blick auf die Geschichte gerichtet. Und zwar in die Antike. Was ich dann aber sah, war überraschend schön: Ein ruhiges Dorf, am Berghang, mit Bäumen zwischen den Häusern, grünen, weil bewässerten Terrassen, und mit weiten Blick das Tal hinauf. Das hatte ich fast vergessen. Aufregend war auch die Nähe zur Demarkationslinie – also der Grenze des Westjordanlandes zu Israel, die so unglaublich nahe schien. Ja, es war geradezu verwirrend. Denn wo war dieses Waffenstillstandslinie genau? Dass sich hinter dieser Frage eine unglaubliche Geschichte verbirgt, wusste ich in diesem Moment noch gar nicht!

Das Beispiel Battir und
das UNESCO Welterbe „Olives and Vines“

Diese Geschichte vom kreativen Widerstand reicht bis ins Heute hinein. Sie ist ein Vermächtnis und eine Aufgabe für die heutigen Bewohner. Denn ohne die damaligen Aktionen gäbe es das Dorf gar nicht mehr. Und zugleich ist es eine Geschichte, die für die Gegenwart Hinweise gibt, was zu tun ist. Die Idylle von heute ist bedroht. Weil es möglich ist, Touristen hierher zu bringen, und Besuchern diese Geschichte – vielleicht sogar noch mehr Geschichten – zu erzählen, darum habe ich einen wissenschaftlichen Artikel geschrieben. Ich behaupte in diesem Artikel unter anderem, dass Narrative, dass Geschichten erzählt werden müssen, damit Tourismusentwicklung gelingen kann und zugleich diesem Vermächtnis gerecht wird.

Eine Zusammenfassung des Artikels in der Ausgabe „Tourism and Cultural Dynamics“ des Journals „Tourism, Culture & Communication“ finden Sie hier (auf Englisch).

Weil für die Mehrheit der Palästinenser die Ereignisse 1948, Vertreibung, Zerstörung und Verlust, bis heute eine höchst traumatische Sache sind, könnte man sagen: Nein, das wollen wir nicht schon wieder hören, oder schon wieder erzählen. Ich möchte sagen: Doch. Nicht nur, dass diese Geschichte erzählt werden muss, um die Situation vor Ort, und um die Menschen dort überhaupt zu verstehen. Sondern auch, weil – vor dem Hintergrund dieser traumatischen Ereignisse – eine andere Geschichte, eine Erfolgsgeschichte nämlich, erzählt werden muss.

In den 1950ern können die Bewohner des Dorfes ihr Battir schöner und zugleich zukunftsfähig machen: gemeinschaftliche Arbeit und Selbsthilfe für Entwicklung – eine spannende Geschichte.

Ich meine, sie muss erzählt werden, und dafür argumentiere ich in meinem Artikel. Ich behaupte, diese Geschichte gehört zu diesem Dorf dazu. Das Dorf Battir gibt es nur deshalb noch als lebendiges Dorf, weil es kreativen Widerstand gab! Und: Auch auf dem Hintergrund von An-Nakba – so nennen die Palästinenser „die Katastrophe“ 1948 – muss diese Geschichte nicht zu dunkel sein. Schließlich erzählt diese Geschichte von mutigen, geradezu unglaublichen Aktionen der Bewohner des Landes.

Eine Geschichte, die Mut macht
inmitten der Katastrophe

Zu einem „Schwarzen Tourismus“ (black tourism) wird es hier nicht kommen. Nicht etwa, weil Trauer und Schmerz im Tourismus nicht vorkommen dürfen. Erinnerung an schreckliche Ereignisse können immer zu Verantwortung und Zukunft führen. Nicht umsonst geht jede deutsche Besuchergruppe auch nach Yad VaShem, oder in eine andere Shoa-Gedenkstätte. Hier in Battir geht es um eine nicht minder große Frage: die Frage nach Widerstand, Gewalt und Kreativität.

Nicht zuletzt kann kreativer Widerstand unterdrückte Menschen erfolgreich darin unterstützen, ihre Geschichte auf neue Weise und in neuen Formen zu erzählen.

Mitri Raheb 2014 in seinem Buch „Glaube unter imperialer Macht“, S.193

Wie stellen wir sicher, dass diese Geschichte erzählt wird? Wie stellt Battir sicher, dass seine ureigenste Geschichte in einem Besuch vor Ort auch wirklich vorkommt? Darüber schreibe ich in einem Gastbeitrag beim Arbeitskreis Palästina in Brühl bei Bonn, der sich vor allem mit der Partnerstadt Brühls in Palästina beschäftigt: Battir. Dort behandele ich – wie auch in meinem wissenschaftlichen Artikel – das Thema Tourismusentwicklung in einem Konfliktgebiet.

Es gibt viele Gründe, nach Battir zu reisen – hier erkläre ich sieben Gründe.

Allerdings ist die Geschichte vom kreativen Widerstand in Battir nicht einfach. Sie ist nicht einfach zu erzählen, und beim Nachvollziehen lohnt es sich, aufmerksam zuzuhören. Leider werden diese Geschichten selten ausführlich und genau genug erzählt, auch vor Ort nicht. Zum anderen gibt es durchaus auch dort Vorbehalte und Diskussionen: War der Preis zu hoch? Will ich diese Geschichten überhaupt hören oder gar erzählen?

Die Eisenbahn als Lebensader
und als Bedrohung eines Dorfes

Bis heute haben die Bewohner Battirs eine positive Einstellung zur Eisenbahn durch ihre bewässerten Felder. Doch das ist nicht alles: Die Ortschaft hat ihren Zugang zur Eisenbahn 1948 komplett verloren. Die Menschen aus Battir, die für die Eisenbahn arbeiteten, haben damals ihre Arbeit verloren. Aber auch die Pendler, Studierenden und die Bäuerinnen waren betroffen. Trotzdem schützen sie die Eisenbahn bis heute, und halten sich an die Vereinbarung von 1949.

Eine ausführliche Darstellung der Aktionen in Battir, die Hasan Mustafa anregte und durchführte, stellt Jawad Botmeh in seiner Forschungsarbeit dazu dar. Du findest sie hier (auf Englisch).

Wenn wir bedenken, dass Battir eine Bahnstation hatte, dass Menschen aus Battir dort für die Eisenbahn gearbeitet haben; wenn wir bedenken, dass Battir Verbindungen zur religiösen und kulturellen Hauptstadt Palästinas, Jerusalem hatte, zur Hafenstadt Jaffa, zum zentralen Bahnhof Lid / Lod, von dem aus Kairo / Al-Qahira und Beirut und Damaskus / Dimaschq per Anschluss erreichbar waren; wenn wir bedenken, dass Battir und die umliegenden Dörfer vor 1948 Jerusalem direkt und frisch mit Gemüse, Kräutern und Früchten versorgen konnte – wenn wir das alles bedenken, dann ist der verlorene Zugang zur Eisenbahn ein sehr, sehr großer Verlust für Battir, ein hoher Preis für das Überleben gewesen.

Selbsthilfe eines Dorfes in der Konfliktzone: Entwicklung und Bildung

Plötzlich war Palästina geteilt, die Handelswege unterbrochen, die Eisenbahnlinien verschenkt, die Einwohner vertrieben, viele Dörfer verloren. Battir lag plötzlich in einer Konfliktzone. Aber es gab das Dorf noch! Die Reaktion auf den Verlust der Eisenbahnstation war eine große Anstrengung der Gemeinschaft in den 50er Jahren. Dabei ging es um Lebensgrundlagen und neue Möglichkeiten, Einkommen zu generieren. Dabei ging es um Gemeinschaftsarbeit und Bildung für Mädchen und Frauen. Und es ging um die Verbindung zur Welt und das Gesundheitswesen. Über diese Arbeit, Zukunft für das Dorf Battir zu schaffen, liest du hier.

Battir is a living example of what a community can do to help itself.

Hasan Mustafa 1959 in seinem Buch „Welcome to Battir“

Seit 1947 spätestens, liegt Battir in einer Konfliktzone. Und zwar paradoxerweise deshalb, weil es an einer Eisenbahnstrecke liegt, die damals hohen strategischen Wert besaß. Der Vorteil des Bahnhofs droht sich ins Gegenteil zu verkehren. Battir kann die Umstände nutzen, um kreativen Widerstand zu leisten. Deshalb meine ich, diese Geschichte muss Konflikt-transformatorisch erzählt, ja erklärt werden. Konflikttransformation, also (zivile) Konfliktbearbeitung, geht aktiv mit Ursachen eines Konflikts um und verändert, transformiert durch Arbeit die Situation in eine neue Situation.

Tourismusentwicklung in einer Konfliktzone: Kreativer Widerstand

Meist gelingt diese Transformation, diese Veränderung, durch Kommunikation, Dialog und dem Bruch mit typischen Handlungsmustern. Konflikttransformation und Tourismus überschneiden sich nicht einfach so automatisch. Es ist offensichtlich der Tourismus, der von der Abwesenheit von Gewalt profitiert. Dagegen ist in der Forschung nicht nachweisbar, dass Tourismus zum Frieden beiträgt. Doch ich bin auch überzeugt, dass die Geschichten vom kreativen Widerstand eine Chance sind, den Konflikt neu zu sehen und sein eigenes Verhalten zu hinterfragen.

Die Tourismusentwicklung kann auf eine positive Identität gründen. Tourismusentwicklung kann sich auf die eigenen Erfolge der Vergangenheit und der Gegenwart beziehen. Battir hat mit viel Aufwand die Antragstellung der „Abteilung für Archäologie und Kulturerbe“ des Palästinensischen Ministeriums für Tourismus und Kulturerbe bei der UNESCO unterstützt, diese Landschaft in Battir und zwischen Husan und Beit Dschala in die Liste des Welterbes aufzunehmen. Was für eine Chance, Menschen aus der ganzen Welt mit dem palästinensischen Kulturerbe und den Geschichten des Landes bekannt zu machen! Im übrigen bin ich überzeugt, dass wir mit aufmerksamen Zuhören weiter kommen.

Diesen Blogbeitrag auf andreas-kuntz.com kannst du kommentieren. Was denkst du darüber? Muss die unglaubliche Geschichte vom kreativen Widerstand erzählt werden?

Geteilte Geschichte(n) (Fortsetzung, in Arbeit)

7 Gründe warum es sich lohnt, Battir zu besuchen

Mein Gastbeitrag auf der Website des AK Palästina in Brühl (in Arbeit)

Die (englische) Zusammenfassung des Artikels „Battir: Creative Resistance in a Front Line—Opportunities and Dilemmas of Tourism Development in a Conflict Zone“

Eine Reise mit Wanderung nach Battir: Einerseits Erholung, andererseits die Geschichte vom kreativen Widerstand

Buchbesprechung Mitri Raheb: Glaube unter imperialer Macht (in Arbeit)

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Gemeinsam gedenken: Buchbesprechung zu „Sweet Occupation“ von Lizzie Doron

Es ist ein emotionaler und widersprüchlicher Einstieg. Das Buch fängt mit dem Vorabend des Gedenktages an, dem Tag der Erinnerung – Remembrance Day, Yom HaSikkaron – mit der Begegnung mit einem Palästinenser, bei der Abholung von gutem arabischen Essen, gekauft für die Party am folgenden israelischen Unabhängigkeitstag, gegenüber dem Eingang zur Gedenkveranstaltung der Friedenskämpfer. Das hat mich natürlich elektrisiert. In meiner Arbeit als Friedens- und Konfliktberater spielten die Friedenskämpfer und die Gedenkveranstaltung eine wichtige Rolle.

Gedenken, Krieg und Feindschaft

Dieser Tag ist gerade für säkulare Israelis der heiligste Tag, wichtiger noch als der Nationalfeiertag – Yom HaAtzma’ut, „Independence Day“. Am Gedenktag davor wird der Gefallenen und der Terroropfer gedacht, jede Kommune hat Gedenkfeiern auf den Friedhöfen, die oft Abteilungen für Gefallene haben. Die Ansprachen auf diesen Gedenkfeiern betonen meistens die Stärke Israels. Zugleich liegt Traurigkeit über dem Land. Härter kannst du nicht einsteigen, noch deutlicher kannst die besondere Schwere des Falles nicht betonen.

Mohammed muss das verstehen, ich gehe nur bis zur Grenze, ich bin die Spitze des mainstream, ich bin seine Verkörperung.

Lizzie Doron: „Sweet Occupation“, S.100

Das Buch erzählt dokumentarisch, und es ist auch dokumentarisch. Die Fakten stimmen, auch was ich selbst über die Lochamim LeShalom – Muqatilien Min Adschil A-Salam („Combatants for Peace“) aus meiner Arbeit weiß. Ich habe viel Neues erfahren aus den persönlichen Schicksalen, das stimmt. Wenn Dokumentationen besonders gut und mutig sind, die schmerzhaften Punkte genau treffen, denke ich immer: Genau das ist es! Wenn es nicht so eingefangen worden wäre, hätte es die Berichterstatterin – oder dann die Autorin – eben erfinden müssen. Beim Lesen dieses Buches ging es mir ständig so.

Biographien und Erinnerung

Erfinden muss die Autorin allerdings nichts. Ihr erstes Buch schrieb Lizzie Doron über ihre Mutter, eine Holocaust-Überlebende, und wurde dafür von Yad VaShem, der staatlichen, israelischen Shoah-Gedenkstätte in Jerusalem, ausgezeichnet.

Lesung auf dem Kultursommer Schleswig-Holstein 2018 auf www.kultur-port.de

Bei „Sweet Occupation“ ist aber etwas anders: Die Jugendzeit der Autorin – und darin ist das Buch autobiographisch – ist verwoben mit den Schicksalen der anderen, Kämpfer auf israelischer Seite und palästinensischer Seite – darin ist das Buch eine Sammlung von Biographien. Die tragische Verbindung aller entsteht durch den Konflikt. Die Erfahrung von Gewalt ist allen gemeinsam. Auch die Autorin steckt selbst in dieser Tragik drin.

Ich muss jetzt hier ein Geständnis ablegen: Ich habe vor-geblättert. Es war einfach zu spannend! Für mich war auf den ersten Seiten bald klar, dass es hier um Unmögliches geht. Eine israelische Frau, im israelischen säkularen Schulsystem groß geworden, trifft palästinensische Freiheitskämpfer? Dieses Schulsystem betont die nationalen Rechte des jüdischen Volkes, aber auch die absolut gesetzte Notwendigkeit, das Vaterland mit Gewalt zu verteidigen. Gleich nach der Schule legen die Schüler, und Schülerinnen, den Schwur ab, den Staat Israel zu verteidigen.

Was ist mutig?

Israelische Soldaten sind Helden, palästinensische Kämpfer können in diesem Weltbild nur Terroristen sein. Es ist unmöglich, dass eine israelische Bürgerin einen von der anderen Seite trifft, von dem sie weiß, er hat Gewalt gegen ihr Volk ausgeübt. Diese Begegnung, dieses Zuhören darf nicht sein. Diese Begegnung braucht Mut. Und genau das macht die Autorin deutlich.

„Was tut dir leid? Hör doch erst mal zu. Ihr habt keine Geduld zum Zuhören, ihr kommt sofort zu Einsichten, und dann tut euch etwas leid, was euch nicht leid zu tun braucht.“

Mohammed, in: Lizzie Doron, „Sweet Occupation“, S.38

Alisa ist Teil einer gut funktionierenden Jugendgruppe. Die Jungs und Mädchen ergänzen sich. Sogar in der Kommunikation: Die nachdenklichen, unterbrochenen Sätze werden ergänzt, zu solchen, die vermeintliche Schwäche aufdecken, Fragen ersticken, die gemeinsame Konvention stärken. Dann kommt Emil dazu, der zunächst immer ausgelacht wird. Er ist anders, ruhiger und gelassener. Er sieht die Dinge klarer. Emil, der Polacke genannt wird, hat einen nicht-hebräischen Namen, er kennt europäische Traditionen, Geschichte und Erkenntnisse. Er kommt aus der Diaspora, ist nicht im Land aufgewachsen. Er fragt nach, was wirklich mutig ist. Und Emil wird noch eine wichtige Rolle spielen.

„Ich sah keine Alternative, das war mein Weg, der Weg war der Auftrag der einen Generation an die nächste. Ich meldete mich zu einer Panzereinheit, ich konnte nicht anders.“

Chen, in Lizzie Doron: „Sweet Occupation“, S.87

In der Welt israelischer Konventionen ist Zweifel am Militär ein Ding der Unmöglichkeit. Deshalb habe ich also vorgeblättert, was ich sonst immer vermeiden will, und fast immer auch schaffe. Hier nicht. Vorsicht, Spielverderber! Achtung, Spoiler! Wer nicht wissen will, wie das Buch enden könnte, liest erst den über-nächsten Absatz weiter! Ich blätterte vor und traf genau auf die Schilderung der Erinnerungszeremonie der „Combatants for Peace“ und des Familienforums.

Schmerz und Trauer miteinander teilen

Das Familienforum „Family Forum“ hieß früher „Parents Circle“, dort treffen sich Familien, die Angehörige im Konflikt verloren haben. Ich meine Familien beider Seiten, der Feinde! Das Familienforum versteht sich wie die „Combatants for Peace“ als bi-nationale Bewegung. Da wusste ich: Dieses Buch kann ich weiterlesen, es wird definitiv etwas Unvorstellbares passieren.

Nicht weit von mir, oben auf dem Felsen, saß Emil, in eine topographische Karte vertieft. „Ich suche uns einen anderen Weg hinaus aus diesem Wahnsinn“, sagte er und strich sich das schwarze Haar aus dem Gesicht.

Lizzie Doron: „Sweet Occupation“, S.72

Ansprache des israelischen Schriftstellers David Grossmann in der Gedenkveranstaltung 2018 (auf forumZFD.de)

An der Gedenkveranstaltung konnte ich einmal teilnehmen. Ich war sehr bewegt, ich glaube wie alle, die dabei sein dürfen. Vier persönliche Ansprachen, Geschichten von Verlust, Schmerz, Trauer und Veränderung werden miteinander geteilt. Alles geschieht in den beiden Sprachen, Hebräisch und Arabisch. Zuhören, Mitfühlen und Schmerz aushalten ist zentral in dieser Gedenkveranstaltung. Die Moderation 2015 berührte mich schon allein deswegen, weil der palästinensische Friedens­kämpfer Hebräisch sprach, die israelische Friedenskämpferin Arabisch. Er, Jamil, hatte seinen kleinen Bruder durch Gewalt verloren.

Die Seite der „Combatants for Peace“ (Englisch)

„Meine Mutter … bat mich, mein eigener Gott zu sein, mein eigener General, mein eigener Ministerpräsident, ich solle selbst entscheiden, wofür ich zu sterben bereit sei, falls überhaupt.“

Jamil, in Lizzie Doron, „Sweet Occuaption“, S.140

Diese Gedenk­veranstaltung „Sharing Sorrow, Bringing Hope“ hat eine zentrale Bedeutung für die Menschen in den beiden Bewegungen gewonnen. Inzwischen wird die Veranstaltung im Internet mit englischen Untertiteln übertragen, Menschen in verschie­denen Ländern treffen sich, schauen gemeinsam.

Hier die Live-Übertragung der Gedenkveranstaltung 2020
auf dem YouTube-channel der Combatants for Peace,
in Hebräisch und Arabisch mit englischen Untertiteln.
(Unter „activism“ auch auf der Website der Combatants for Peace verlinkt.)

Hier kannst du weiter lesen. Das Ende habe ich zwar nicht verraten, aber ab jetzt bleibe ich allgemein. Die Autorin ist ganz offen darüber, wie das Buch entstanden ist: Sie beschreibt komplett ihre Kommunikation mit den verschiedenen Ex-Combatanten / ehemaligen Kämpfern. Die hatten ihren Erfolg „Who the Fuck is Kafka“ erlebt und gedacht: Hey, die ist offen und mutig genug, etwas über uns zu schreiben. Und erfolgreich natürlich! Doch anfangs kann sie das nicht: Mit Verrätern, also Soldaten, die den Wehrdienst in den Besetzten Gebieten verweigern, kann sie nicht sprechen. Mit Kämpfern von der feindlichen Seite, also Terroristen, kann sie nicht essen. Erst langsam wächst der Mut zur Veränderung.

Ich konnte nachts nicht mehr schlafen, ich quälte mich. Du musst den Dienst verweigern, sagte eine innere Stimme, die mich bedrängte. Aber wie konnte ich meine Kameraden allein an die Front schicken? Was würde mein Vater sagen? Meine Frau? Meine Nachbarn? Du weißt ja, wie wichtig es ist, okay zu sein.

Chen, in Lizzie Doron: „Sweet Occupation“, S. 166

Das Schicksal der Anderen – mutig miteinander gedenken

Die Erinnerungen der ich-Erzählerin, oder der Autorin, sind verwoben mit dem Kennenlernen der Schicksale auf der anderen Seite, Schicksale der palästinensischen Kämpfer, mit den Schicksalen der israelischen Kämpfer, der Soldaten der eigenen Seite in diesem gewaltsamen Konflikt. Die Autorin entwickelt darin das Vor-und-Zurück nicht nur des eigenen Ich, des eigenen Geistes, sondern auch der eigenen Seele. Denn die ist gefangen im Schmerz der Gewalttaten, gegen Freundinnen und Freunde, gegen die ehemaligen Klassenkameraden, die als Soldaten im Kampf verwundet oder getötet wurden.

„Die Gespräche mit ihnen zerstörten die Geschichte, die ich mir selbst erzählt hatte.“

Lizzie Doron, „Sweet Occupation“, Prolog, S.9

Zugleich deckt Lizzie Doron in Rückblicken auf, wo Gewalt, das unbedingte Sich-Durchsetzen in ihrem eigenen Leben Verwundungen zurück gelassen hat. Diese drei Ebenen, die Leben der Kämpfer, der eigene Weg aus Schmerz, Abschottung und Feindbildern, und die Wurzeln der Identität, die Jugendgruppe und die erste Liebe, werden von der Autorin in Beziehung gesetzt, gegenübergestellt und erhellen sich gegenseitig. Das gelingt. Damit gehört das Buch „Sweet Occupation“ zu meinen 7 wichtigsten Büchern aus Israel.

Meine 7 wichtigsten Bücher aus Israel (diese Liste erstelle ich gerade)

Ausführliche Rezension von Professor Heekerens auf socialnet.de

Dass das Buch auf Englisch veröffentlicht wurde, und jetzt auch auf Deutsch – nicht in Israel – ist etwas schockierend. So schwierig ist es im demokratischen Israel geworden, sich außerhalb des nationalen Konsens zu stellen. Dennoch bin ich anders als Professor Heekerens nicht der Meinung, dass das Buch für Menschen mit Lieblingsort „Zwischen den Stühlen“ ist. Auch in Deutschland, wo viele so genau wissen, wer Schuld ist an dem Konflikt im Heiligen Land, ist die Lektüre hilfreich, für alle. Lizzie Doron saß nicht zwischen den Stühlen, sondern war ganz klar ausgerichtet. Richtig: Wandel braucht viel Mut! In diesem Fall, mit diesem Buch, ist es der zweifache Mut: Den Weg der Transformation zu gehen, und diesen Weg der Veränderung für alle zu beschreiben. Du kannst es nachlesen. Im übrigen bin ich überzeugt, dass wir mit aufmerksamen Zuhören weiter kommen.

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Lizzie Doron hat – neben Büchern über Familie, Shoah-Überleber und die 50er in Israel – ein weiteres Buch über die Begegnung mit einem Palästinenser geschrieben: „Who the fuck is Kafka?“ Als eBook bei Hugendubel bestellen. * Affiliate Link

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Bodenhaftung und Herausforderung im Heiligen Land: Die Reise eines Pfarrkonvents nach Bethlehem


Bethlehemer Alltag und Erholung in biblischen Landschaften

Vor einiger Zeit erhielt ich eine Einladung, über die Reise eines Pfarrkonvents ins Heilige Land mit zu denken. Die Wünsche von Dekanin Renate Weigel waren für konventionelle Anbieter vielleicht etwas ungewöhnlich. Für mich waren sie faszinierend, und sehr nah dran an meinen Vorstellungen von Qualität und Fairness. Die Gruppe von Pfarrerinnen und Pfarrern sollte viel Alltag mitbekommen, öffentlichen Personennahverkehr benutzen, und viel zu Fuß unterwegs sein. Hinzu kamen Ausflüge, Wanderungen und erholsame Phasen mit dem Erleben von Landschaften. Ohne Erholung wird das Erleben der Realität schwierig. Die Aufnahme von Eindrücken ist eingeschränkt.

Herausforderungen an Christinnen und Christen aus Europa

Authentische Begegnungen, sowohl unterwegs als auch geplant, verbinden wir mit Besuchen bei Nichtregierungsorganisationen und einheimischen Kirchengemeinden. Neben den geplanten, von Seiten der Reisenden auch vorbereiteten Begegnungen treffen wir immer wieder Menschen. Unser Blick ist nicht gerahmt vom Fenster eines klimatisierten Reisebusses. Im Gegenteil, unser Blick schaut von Angesicht zu Angesicht, direkt, mit Kontext drumherum. Genau das wollten die Pfarrerinnen und Pfarrer aus dem Dekanat Nassauer Land der EKHN, die sich für die Reise anmeldeten. Möchten Sie auch eine Reise mit diesen Merkmalen durchführen, wenden Sie sich bitte bei mir über das Kontaktformular.

Reiseleitung durch Einheimische ist anspruchsvoll und kann zu ehrlichem Dialog führen

Niemand muss mich überreden, eine Reise zu leiten. Zum einen habe ich das schon getan, zum anderen macht es mir große Freude. Allerdings muss mich jemand überreden, meine Prinzipien einer fairen Reise einzuschränken. Doch das fällt mir als ehemaliger Ausbilder und Dozent für Reiseleiter sehr schwer. Denn wie kann ich von einheimischen Reiseleitern verlangen, dass sie hohe Qualität abliefern, wenn alles super-billig, inhaltlich „angepasst“ und immer in der Komfortzone bleiben soll. Und ganz ehrlich: Inhaltlich „angepasste“ Reisen bedeutet, einheimische Reiseleiter zu zensieren. Das kommt für mich nicht in Frage. Aber Fragen stellen ist mir wichtig! Und solange respektvoll und mit Bezug zu Realität, Leben und Zukunft gefragt wird, sind die Dialoge dazu auch ehrlich und sinnvoll.

Vorurteile und Stereotype überprüfen

Grundsätzlich begleite und moderiere ich eine Reise, gemeinsam mit einer einheimischen Reiseleiterin, oder einem Reiseleiter. So erreicht die Reise eine hohe Qualität in ihren Erlebnissen. Ich bin verantwortlich für die Reflexion, kulturelle Übersetzungsfragen und erholsame Erfahrungen. Denn im Verlauf der Reise müssen sich Intensität und Entspannung sinnvoll ergänzen und abwechseln.

Diese Wechsel von intensiven Erleben einerseits und Erholung andererseits sind um wichtiger, als die wir auf dieser Reise auch Denkgewohnheiten in Frage stellen wollen, und uns damit aus der Sicherheit des gewohnten Denkens und Beurteilens begeben. Das ist ein unabdingbares Element von konflikt-sensiblen Reisen. Manche meinen, das ist automatisch der Fall, wenn wir auf Reisen gehen. Ich fürchte, die allermeisten Reisen funktionieren anders: Vorurteile werden bestätigt, Stereotype verstärkt. Doch dazu an anderer Stelle.

Was ist konflikt-sensibles Reisen? (in Vorbereitung)

Ein Reiseprogramm, in dem das Erleben an erster Stelle steht

Bleibt noch die Reiseorganisation. Die lag in den Händen des Dekanats, Anreise einschließlich Flug wurden dort geplant und durchgeführt. Das Angebot, das mein Partner in Bethlehem und ich hier vorstellen, beginnt mit der Ankunft am Flughafen in Tel Aviv–Jaffa und endet auch dort. Umgekehrt konnten mein einheimischer Kollege und ich die Reise vor Ort gut planen: Begegnungen auf Erlebnisse abstimmen, Erholung auf Herausforderungen abstimmen und – ganz wichtig – für ein faires Einkommen vor Ort sorgen. Das alles können wir verbinden! Die überragende Faszination, die vom Heiligen Land, von Israel und von Palästina ausgeht, verleitet viele Anbieter, Unternehmen, Veranstalter und Organisatoren dazu, die Orte und Stätten als vermeintliche Höhepunkte aneinander zu reihen. Solche Programme führen nicht zu einem abgestimmten, aufeinander aufbauenden Erleben!

Reisedramaturgie: Erlebnisse der Reisenden bauen aufeinander auf

Die Reisedramaturgie, wie ich es manchmal nenne, berücksichtigt weniger die Liste der zu besuchenden heiligen Stätten – beinahe hätte ich heilige Steine geschrieben! Ja, die Stätten gehören dazu, und das eine oder andere Mal haben wir uns als Gruppe auch ganz bescheiden und aufmerksam in den Strom der Pilgerinnen und Pilger eingereiht. Das geht an den von allen besuchten Heiligtümern gar nicht anders.

Allerdings haben wir auch die einheimischen, weniger vom Strom der Pilgerinnen besuchten Heiligtümer auf unserem Weg als spirituellen Anstoß genutzt. Ebenso die Landschaften – die hier ganz unterschiedlich aussehen und wirken – waren auf dieser Reise voller Anregungen zum Erleben, Nachdenken und zu Gesprächen. So durchlebt die Gruppe auch Phasen vom Kennenlernen, über Vertiefen, über Entspannen, über Herausforderung, zum Wahrnehmen, zum Verstehen, und zur Veränderung.

Der Genuss: Echtes, gutes einheimisches Essen

Das echte Essen ist in vielen Reisen eher Zufall. In den Hotels wird oft Massenware, oder preiswertes Essen, oder das Essen serviert, von dem die Manager annehmen, dass es den Reisenden bekannt ist. Und das, obwohl das Essen in Bethlehem, in Palästina ein besonders schmackhaftes Essen ist! Das echte einheimische Essen, das die Mütter kochen, gibt es nur, wenn du danach suchst – weil es aufwendig zubereitet wird. Das hieß auf dieser Reise: Keine Halbpension, sondern in den historischen Vierteln die Restaurants zu aktivieren, oder Essen vorzubestellen, oder ein Essen in einer Familie zu organisieren! Und gar nicht nebenbei, sondern als echter Effekt war es so möglich, ein faires Einkommen vor Ort zu erzielen.

Das Programm: Reisetage mit Schwerpunkten

Die Gruppe erreichte Bethlehem noch vor Einbruch der Dunkelheit, und so bestand die Möglichkeit einer ersten Orientierung in den historischen Vierteln. Insofern war die Unterkunft im historischen Kern der kleinen Stadt natürlich ideal. Hier kommt jeder Reisende an, kann zu Fuß in der Nähe interessante Stätten erreichen, sich versorgen oder auch anregen lassen. Freie Zeit ist also vielseitig nutzbar. Am ersten vollen Tag folgt die behutsame Einführung in die Realität des Alltags, eine Art Grundkurs, der im besten Fall die Reisenden auch etwas sicherer und unabhängiger macht.

Am zweiten vollen Tag war Erholung, Landschaft, Sonne, Wärme, Bodenhaftung, ganz viel unmittelbar Erlebbares wichtig. Gemeinsam mit den Hirten der Gegend waren wir auf der Felsenklippe hoch über dem Toten Meer, der tiefsten Stelle der Welt. Am dritten Tag wieder Landschaft, mit Bewegung und einer spannenden, weil unglaublichen Geschichte vom kreativen Widerstand: Battir. Am vierten Tag gab es Besuche bei kirchlichen Einrichtungen und / oder einer Bildungsinstitution, Begegnungen und freie Zeit. Außerdem bot Jerusalem zum Abschluss noch viele Möglichkeiten, Pilgerstätten, freie Zeit und besondere Begegnungen. Mehr verrate ich hier nicht!

Ohne Reflexion ergeben sich wenig Zusammenhänge

Auf manchen Reisen gehört es schon dazu, einmal am Tag Zeit zu haben zum Austauschen, zum Fragen und zum Reflektieren. Didaktisch angeleitet ergeben sich hier viele Chancen. Zum Beispiel gilt es oft, Wahrnehmungen mit Hintergrund zu versehen. Das ist meine Aufgabe, dabei zu moderieren, aber auch Fragen zu beantworten. Die Information zu kulturellen Hintergründen kann Wahrnehmung sinnvoll ergänzen oder Stereotype korrigieren. Was die anderen wahrnehmen oder verstanden haben, kann für die Reflexion jedeR Einzelnen und Entwicklung der Gruppe sehr hilfreich sein.

Vom Erleben zu Veränderung

Auch der Austausch dazu, was Reisende – zurück zu Hause – anders machen werden, bereichert sehr. Wofür werden sie sich einsetzen? Oder was werden sie besonders bedenken bei ihrer Arbeit? Reisende wollen Neues kennen lernen, Anregungen erhalten und gerade als Theologinnen und Theologen ihre Arbeit durch Erfahrungen, Ideen und Erkenntnisse stärken. Ich bin selbst Theologe, kenne auch den Pfarrer-Alltag und habe meine persönlichen Erfahrungen im Heiligen Land immer auch mit Texten und Botschaften der Bibel in Verbindung gebracht. Diesen Reichtum teile ich gerne!

Wann ist die nächste Reise?

Dann, wenn Sie die Reise bestellen. Ich plane zur Zeit mit dem 13. bis 30.November 2020. Alle Theologinnen und Theologen, Interessierte aus dem kirchlichen Zusammenhang und der Ökumene sind herzlich willkommen. Setzen Sie sich bitte über das Kontaktformular mit mir in Verbindung, dann erfahren Sie die Details. Überlegen Sie, ob Sie intensives Erleben, Slow-travel, und Bodenhaftung in ihrer Reise drin haben wollen. Ob Sie möglichst fair, authentisch und auch mal abseits vom Bekannten reisen wollen. Fragen Sie mich, fragen Sie Andreas Kuntz. Noch einmal herzlich willkommen!

Was ist konflikt-sensibles Reisen? (in Vorbereitung)

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Ziviler Friedensdienst: Einführung in Alternativen zum Militär

Erfahrungen in Israel und Palästina

Zwischen 2009 und 2016 habe ich in den Rollen des Projektmanagers, des Beraters oder Trainers viele gute Erfahrungen gesammelt. Zugleich begegnete ich vielen Herausforderungen: Arbeiten in einer Gewaltstruktur, Verständigen in einer Atmosphäre der Angst und Umgehen mit dem Zwang zur Feindschaft. Da war es wichtig, nach Zeichen der Hoffnung zu suchen, neue Mittel zu erproben und Vertrauen aufzubauen.

Dazu habe ich eine interaktive Präsentation erarbeitet. Da geschieht mehr als das, was früher auch Vortrag mit Diskussion hieß. Denn in kurzen Übungen soll erlebbar werden, was Konflikt und was Konflikte bearbeiten heißen kann. Konflikte sind notwendig, deshalb scheuen wir keine Konflikte. Wichtig ist, wie wir an Konflikte herangehen. Was haben wir vor, und welche Methoden haben wir zu Hand?

Wie geht professionelle und zivile Konfliktbearbeitung?

Es gibt sie, die anderen Möglichkeiten jenseits der Sicherheitslogik. Erfahrungen damit gibt es auch schon. Ich hoffe, diese Präsentation kann auch in Deutschland dazu beitragen, mit Zuversicht an die schwierigen Herausforderungen vor Ort heranzugehen. Zum anderen kann die Arbeit der Aktiven in Israel und in Palästina eine Inspiration sein. Insbesondere ein Anstoß zu hinterfragen, ob in Deutschland der Konflikt ungewollt wiederholt wird.

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Verantwortlich reisen und Frieden fördern: Beratung von einem unabhängigen Experten

Ideen und Tipps zu friedfertigem Reisen ins Heilige Land – Israel und Palästina

Sie wollen ins Heilige Land reisen und Frieden fördern? Wie geht das? Da gibt es die einfache Formel, auf beiden Seiten des Konflikts sein Geld auszugeben. Das soll irgendwie „gerecht“ oder zumindest ausgewogen wirken. Doch viele Reisen wirken hastig, die Erklärungen oberflächlich und authentische Erfahrungen müssen sich Reisende in der freien Zeit selbst verschaffen, wenn es denn Zeit „zur freien Verfügung“ gibt. Eine einfache Formel gibt es nicht.

Seit 1991 habe ich Reisen nach Israel und Palästina in unterschiedlichen Rollen begleitet. Dabei habe ich viele Erfahrungen dazu gesammelt, wie das Reiseerlebnis gestaltet werden kann. Es ist möglich, Vorurteile abzubauen und Neues zu lernen. Im Jahr 1997 ergab sich eine Gelegenheit, an der Ausbildung von Reiseleitern mitzuwirken. Daher kenne ich die besonderen Herausforderungen für diese Rolle auch in der Praxis vor Ort. Nach 2005 habe ich für Anbieter der Erwachsenenbildung Reisen gestaltet, die Lernprozesse bewusst einbeziehen.

Konflikt-sensibel bedeutet mehr als nur Ausgewogenheit.

Im Rahmen meiner Arbeit als Friedens- und Konfliktberater (im Zivilen Friedensdienst) für Diskurs- und Dialogkultur an der Fachhochschule Dar Al-Kalima in Bethlehem seit 2009 habe ich mich mit grundlegenden Fragen von Reisen in Konfliktgebieten beschäftigt. Wie kann die Reise gelingen, die Kommunikation mit den Einheimischen, die Motivation der Reisenden für den Frieden? Darf Pilgern in einer Blase stattfinden?

Insbesondere die Erzählungen über Geschichte und Gegenwart spielen eine wichtige Rolle. Ja, es ist möglich, konflikt-sensibel zu reisen – das benötigt allerdings eine gute Planung, klare Ziele und eine gute Methodik vor Ort. Konflikt-sensibel bedeutet mehr als nur Ausgewogenheit. Friedfertig reisen heißt eine hohe Achtsamkeit für viele Aspekte der Reise. Fragen Sie mich, fragen Sie Andreas Kuntz. Im übrigen bin ich überzeugt, dass wir mit aufmerksamen Zuhören weiter kommen.

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