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Bodenhaftung und Herausforderung im Heiligen Land: Die Reise eines Pfarrkonvents nach Bethlehem


Bethlehemer Alltag und Erholung in biblischen Landschaften

Vor einiger Zeit erhielt ich eine Einladung, über die Reise eines Pfarrkonvents ins Heilige Land mit zu denken. Die Wünsche von Dekanin Renate Weigel waren für konventionelle Anbieter vielleicht etwas ungewöhnlich. Für mich waren sie faszinierend, und sehr nah dran an meinen Vorstellungen von Qualität und Fairness. Die Gruppe von Pfarrerinnen und Pfarrern sollte viel Alltag mitbekommen, öffentlichen Personennahverkehr benutzen, und viel zu Fuß unterwegs sein. Hinzu kamen Ausflüge, Wanderungen und erholsame Phasen mit dem Erleben von Landschaften. Ohne Erholung wird das Erleben der Realität schwierig. Die Aufnahme von Eindrücken ist eingeschränkt.

Herausforderungen an Christinnen und Christen aus Europa

Authentische Begegnungen, sowohl unterwegs als auch geplant, verbinden wir mit Besuchen bei Nichtregierungsorganisationen und einheimischen Kirchengemeinden. Neben den geplanten, von Seiten der Reisenden auch vorbereiteten Begegnungen treffen wir immer wieder Menschen. Unser Blick ist nicht das Fenster des klimatisierten Reisebusses, sondern von Angesicht zu Angesicht, direkt, mit Kontext drumherum. Genau das wollten die Pfarrerinnen und Pfarrer aus dem Dekanat Nassauer Land der EKHN, die sich für die Reise anmeldeten. Möchten Sie auch eine Reise mit diesen Merkmalen durchführen, wenden Sie sich bitte über das Kontaktformular bei mir.

Reiseleitung durch Einheimische ist anspruchsvoll und kann zu ehrlichem Dialog führen

Niemand muss mich überreden, eine Reise zu leiten. Zum einen habe ich das schon getan, zum anderen macht es mir große Freude. Allerdings muss mich jemand überreden, meine Prinzipien einer fairen Reise einzuschränken. Doch das fällt mir als ehemaliger Ausbilder und Dozent für Reiseleiter sehr schwer. Denn wie kann ich von einheimischen Reiseleitern verlangen, dass sie hohe Qualität abliefern, wenn alles super-billig, inhaltlich „angepasst“ und immer in der Komfortzone bleiben soll. Und ganz ehrlich: Inhaltlich „angepasste“ Reisen bedeutet, einheimische Reiseleiter zu zensieren. Das kommt für mich nicht in Frage. Aber fragen ist mir wichtig! Und solange respektvoll und mit Bezug zu Realität, Leben und Zukunft gefragt wird, sind die Dialoge dazu auch ehrlich und sinnvoll.

Vorurteile und Stereotype überprüfen

Grundsätzlich begleite und moderiere ich eine Reise, gemeinsam mit einer einheimischen Reiseleiterin, oder einem Reiseleiter. So erreicht die Reise eine hohe Qualität in ihren Erlebnissen. Dabei bin ich verantwortlich für die Reflexion, kulturelle Übersetzungsfragen und erholsame Erfahrungen. Denn im Verlauf der Reise müssen sich Intensität und Entspannung sinnvoll ergänzen und abwechseln.

Diese Wechsel von intensiven Erleben einerseits und Erholung andererseits sind um wichtiger, als die wir auf dieser Reise auch Denkgewohnheiten in Frage stellen wollen, und uns damit aus der Sicherheit des gewohnten Denkens und Beurteilens begeben. Manche meinen, das ist automatisch der Fall, wenn wir auf Reisen gehen. Ich fürchte, die allermeisten Reisen funktionieren anders: Vorurteile werden bestätigt, Stereotype verstärkt. Doch dazu an anderer Stelle.

Ein Reiseprogramm, in dem das Erleben an erster Stelle steht

Bleibt noch die Reiseorganisation. Die lag in den Händen des Dekanats, Anreise einschließlich Flug wurden dort geplant und durchgeführt. Das Angebot, das mein Partner in Bethlehem und ich hier vorstellen, beginnt mit der Ankunft am Flughafen in Tel Aviv–Jaffa und endet auch dort. Umgekehrt konnten mein einheimischer Kollege und ich die Reise vor Ort gut planen: Begegnungen auf Erlebnisse abstimmen, Erholung auf Herausforderungen abstimmen und – ganz wichtig – für ein faires Einkommen vor Ort sorgen. Das alles können wir verbinden! Die überragende Faszination, die vom Heiligen Land, von Israel und von Palästina ausgeht, verleitet viele Anbieter, Unternehmen, Veranstalter und Organisatoren dazu, Orte und Stätten als vermeintliche Höhepunkte aneinander zu reihen. Solche Programme führen nicht zu einem abgestimmten, aufeinander aufbauenden Erleben!

Reisedramaturgie: Erlebnisse der Reisenden bauen aufeinander auf

Die Reisedramaturgie, wie ich es manchmal nenne, berücksichtigt weniger die Liste der zu besuchenden heiligen Stätten – beinahe hätte ich heilige Steine geschrieben! Ja, die Stätten gehören dazu, und das eine oder andere Mal haben wir uns als Gruppe auch ganz bescheiden und aufmerksam in den Strom der Pilgerinnen und Pilger eingereiht. Das geht an den von allen besuchten Heiligtümern gar nicht anders. Allerdings haben wir auch die einheimischen, weniger vom Strom der Pilgerinnen besuchten Heiligtümer auf unserem Weg als spirituellen Anstoß genutzt. Ebenso die Landschaften – die hier ganz unterschiedlich aussehen und wirken – waren auf dieser Reise voller Anregungen zum Erleben, Nachdenken und zu Gesprächen. So durchlebt die Gruppe auch Phasen vom Kennenlernen, über Vertiefen, über Entspannen, über Herausforderung, zum Wahrnehmen, zum Verstehen, und zur Veränderung.

Der Genuss: Echtes, gutes einheimisches Essen

Das echte Essen ist in vielen Reisen eher Zufall. In den Hotels wird oft Massenware, oder preiswertes Essen, oder das Essen serviert, von dem die Manager annehmen, dass es den Reisenden bekannt ist. Und das, obwohl das Essen in Bethlehem, in Palästina ein besonders schmackhaftes Essen ist! Das echte einheimische Essen, das die Mütter kochen, gibt es nur, wenn du danach suchst – weil es aufwendig zubereitet wird. Das hieß auf dieser Reise: Keine Halbpension, sondern in den historischen Vierteln die Restaurants zu aktivieren, oder Essen vorzubestellen, oder ein Essen in einer Familie zu organisieren! Und gar nicht nebenbei, sondern als echter Effekt war es so möglich, ein faires Einkommen vor Ort zu erzielen.

Das Programm: Reisetage mit Schwerpunkten

Die Gruppe erreichte Bethlehem noch vor Einbruch der Dunkelheit, und so bestand die Möglichkeit einer ersten Orientierung in den historischen Vierteln. Insofern war die Unterkunft im historischen Kern der kleinen Stadt natürlich ideal. Hier kommt jeder Reisende an, kann zu Fuß in der Nähe interessante Stätten erreichen, sich versorgen oder auch anregen lassen. Freie Zeit ist also vielseitig nutzbar. Am ersten vollen Tag folgt die behutsame Einführung in die Realität des Alltags, eine Art Grundkurs, der im besten Fall die Reisenden auch etwas sicherer und unabhängiger macht.

Am zweiten vollen Tag war Erholung, Landschaft, Sonne, Wärme, Bodenhaftung, ganz viel unmittelbar Erlebbares wichtig. Am dritten Tag wieder Landschaft, am vierten Besuche bei kirchlichen Einrichtungen und / oder einer Bildungsinstitution, Begegnungen und freie Zeit. Außerdem bot Jerusalem zum Abschluss noch viele Möglichkeiten, Pilgerstätten, freie Zeit und besondere Begegnungen. Mehr verrate ich hier nicht!

Ohne Reflexion ergeben sich wenig Zusammenhänge

Auf manchen Reisen gehört es schon dazu, einmal am Tag Zeit zum Austauschen, zum Fragen und zum Reflektieren. Didaktisch angeleitet ergeben sich hier viele Chancen. Zum Beispiel gilt es oft, Wahrnehmungen mit Hintergrund zu versehen. Das ist meine Aufgabe, dabei zu moderieren, aber auch Fragen zu beantworten. Die Information zu kulturellen Hintergründen kann Wahrnehmung sinnvoll ergänzen oder Stereotype korrigieren. Was die anderen wahrnehmen oder verstanden haben, kann für die Reflexion jedeR Einzelnen und Entwicklung der Gruppe sehr hilfreich sein.

Vom Erleben zu Veränderung

Auch der Austausch dazu, was Reisende, zurück zu Hause, anders machen werden, wofür sie sich einsetzen werden oder was sie besonders bedenken werden bei ihrer Arbeit, bereichert ungemein. Reisende wollen Neues kennen lernen, Anregungen erhalten und gerade als Theologinnen und Theologen ihre Arbeit durch Erfahrungen, Ideen und Erkenntnisse stärken. Ich bin selbst Theologe, kenne auch den Pfarrer-Alltag und habe meine persönlichen Erfahrungen im Heiligen Land immer auch mit Texten und Botschaften der Bibel in Verbindung gebracht. Diesen Reichtum teile ich gerne!

Wann ist die nächste Reise?

Dann, wenn Sie die Reise bestellen. Ich plane zur Zeit mit dem 13. bis 30.November 2019. Alle Theologinnen und Theologen, Interessierte aus dem kirchlichen Zusammenhang und der Ökumene sind herzlich willkommen. Setzen Sie sich bitte über das Kontaktformular mit mir in Verbindung, dann erfahren Sie die Details. Überlegen Sie, ob Sie intensives Erleben, Slow-travel, und Bodenhaftung in ihrer Reise drin haben wollen. Ob Sie möglichst fair, authentisch und auch mal abseits vom Bekannten reisen wollen. Fragen Sie mich, fragen Sie Andreas Kuntz. Nochmal herzlich willkommen!